Meine Lebenskrise: Warum ich ging, obwohl ich wußte, daß es mich alles kosten würde

Lebenskrise

Lesezeit: ca. 38 Minuten

Glück Auf, Ihr Lieben,

ich veröffentliche diesen Artikel am 30. April 2026. Auf den Tag genau elf Jahre, nachdem ich aus einer Klinik heraus eine E-Mail geschrieben habe, die mein ganzes Leben verändert hat. An diesem Donnerstag im April 2015 teilte ich dem Koordinator der Ältestenschaft, dem Vorsitzenden der Ortsversammlung, mit, daß ich kein Zeuge Jehovas mehr bin. Es waren nur wenige Absätze, nicht mal eine halbe Seite. Die E-Mail habe ich nüchtern formuliert, doch das, was sie auslöste, war es nicht.

In meinem letzten Artikel habe ich erzählt, wie ich als orientierungsloser Jugendlicher nach dem Mauerfall bei den Zeugen Jehovas Halt fand und, wie die Sehnsucht nach Zugehörigkeit mich in eine Gemeinschaft führte, die mich 25 Jahre lang geprägt hat.

Dieser Artikel erzählt, was danach kam. Was passiert, wenn du die Zweifel nicht mehr wegdrücken kannst. Wenn du weißt, daß du gehen mußt, und gleichzeitig weißt, daß du dabei alles, aber auch wirklich alles, verlierst. Und wie es sich anfühlt, wenn genau das eintritt.

Ich erzähle dir diese Geschichte nicht, um abzurechnen oder anzuklagen. Ich erzähle sie dir, weil ich weiß, daß viele Menschen gerade an einem ähnlichen Punkt stehen, wie ich damals. Nicht unbedingt in einer religiösen Gemeinschaft. Vielleicht in einer Ehe, in einer Beziehung oder in einer Struktur, die dir schon lange nicht mehr guttut. Die Angst davor, alles zu verlieren, hält dich fest. Und genau diese Angst kenne ich sehr gut, denn sie hat mich jahrelang begleitet.

Was ist eine Lebenskrise?

Eine Lebenskrise entsteht, wenn etwas passiert, das dein bisheriges Leben aus den Angeln hebt. Manchmal kommt sie von außen: durch den Verlust eines Menschen, eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag. Manchmal bahnt sie sich über Jahre an: Du spürst schon lange, daß etwas nicht stimmt, aber du machst weiter, weil du keine Ahnung hast, wie es anders gehen könnte oder wohin dich ein anderer Weg führt. Irgendwann kommt der Punkt, wo das nicht mehr geht. Dann stehst du vor einer Entscheidung, die dir alles abverlangt. Doch du kannst ihr nicht mehr ausweichen, denn du gehst selbst kaputt, wenn du sie nicht triffst.

Wie aus leisen Zweifeln eine Lebenskrise wurde

Die Zweifel in mir waren schon lange da. Nicht als klare Gedanken, sondern eher als ein dumpfes Gefühl, daß etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl wollte einfach nicht mehr aufhören. Mal war es die Frage, warum die Zeugen Jehovas ihre Auslegung der Bibel so oft änderten und das dann als „helleres Licht” verkauften. Mal war es das Gefühl, daß die Liebe in der Versammlung an Bedingungen geknüpft war, die ich immer weniger erfüllen konnte. Und mal war es einfach nur die Erschöpfung, die nach über zwanzig Jahren Predigtdienst, Versammlungen und dem ständigen Druck, nach außen der perfekte Zeuge Jehovas zu sein, nicht mehr weggehen wollte.

Was ich damals nicht durchschaut habe: Die Organisation der Zeugen Jehovas hatte mich von Anfang an darauf vorbereitet, daß solche Zweifel kommen würden. Kurz nach dem Gedächtnismahl 1990, der wichtigsten jährlichen Feier der Zeugen Jehovas zum Gedenken an den Tod von Jesus, von dem ich im vorherigen Artikel berichtet habe, begann mein Heimbibelstudium.

Dabei kamen meine Mutter und eine ältere Frau aus der Versammlung einmal wöchentlich mit mir zusammen. Anhand des sogenannten Paradiesbuches, „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben”, gingen wir die Lehren der Zeugen Jehovas und ihre Auslegung der Bibel gemeinsam durch.

Schon dort lernte ich ziemlich am Anfang, daß Satan versuchen wird, mich vom wahren Glauben wieder abzubringen. Daß Familie und Freunde zu seinen Werkzeugen werden können. Daß Zweifel kein Zeichen dafür sind, daß etwas nicht stimmt, sondern ein Zeichen dafür, daß ich angegriffen werde. Und diese Warnung wurde nicht nur einmal ausgesprochen. Sie war in den Zusammenkünften, also den regelmäßigen Gottesdiensten der Zeugen Jehovas, und in deren Literatur ein ständig wiederkehrendes Thema, wohl nicht ohne Grund.

Das ist ein äußerst wirksamer Mechanismus. Wenn deine Familie sich irgendwann Sorgen um dich macht und kritische Fragen stellt, weil du dich veränderst, denkst du nicht: Die sorgen sich um mich. Du denkst: Genau davor hat man mich gewarnt! Aus ihnen spricht bestimmt der Teufel! Und du machst die Schotten dicht. Ich habe das selbst erlebt. Meine Geschwister, meine Schulfreunde, Arbeitskollegen, sie alle waren „weltlicher Umgang”, und ihre Bedenken waren für mich der Beweis, daß ich auf dem richtigen Weg war. Die Ironie dahinter ist mir erst viel später aufgefallen.

2012 brach ich dann völlig zusammen. Das habe ich im vorherigen Artikel bereits beschrieben. In den Jahren danach ging es auf und ab, aber die Zweifel, die ich so lange weggedrückt hatte, kamen immer häufiger zurück.

Lebenskrise
Olympiastadion Berlin, Juli 2014. Mein letzter Bezirkskongreß der Zeugen Jehovas. Damals wußte ich das noch nicht.

Im Juli 2014 fuhren wir als Familie zu einem dreitägigen Bezirkskongreß der Zeugen Jehovas, der im Olympiastadion in Berlin stattfand. Daß es mein letzter sein würde, ahnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Am Freitagnachmittag, nach dem ersten Kongreßtag, wurde mir auf dem Parkplatz so übel, daß ich mich vor dem Auto eine gefühlte Ewigkeit immer wieder übergeben mußte. Mein Körper machte einfach nicht mehr mit.

Den gesamten Samstag verbrachte ich dann im Hotel, weil ich nicht in der Lage war, zum Kongreß mitzugehen. Am Sonntag mußte ich trotzdem mit, obwohl es mir immer noch schlecht ging, weil es der Abreisetag war. Damals habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Heute weiß ich, daß mein Körper mir damals schon etwas sagen wollte, das ich zu dem Zeitpunkt weder hören konnte noch hören wollte.

Ende 2014 war ich erneut in einer Klinik. Und dort passierte etwas, das ich nicht erwartet hatte. Zum ersten Mal seit Jahren konnte ich wirklich frei denken. Auch 2012, als ich wegen meines Zusammenbruchs monatelang in der Klinik lag, war ich nicht in den Zusammenkünften gewesen. Aber damals war ich innerlich noch so fest von den Zeugen Jehovas überzeugt, daß ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre, an der Organisation selbst zu zweifeln.

Jetzt, zwei Jahre später, war etwas anders. Mein Glaube an die Organisation hatte schon Risse bekommen, und ohne den ständigen Druck der Zusammenkünfte, die mich jedes Mal daran erinnerten, meine Zweifel wegzudrücken, traute ich mich zum ersten Mal, diesen Gedanken auch wirklich Raum zu geben.

In dieser Zeit lieh ich mir heimlich ein Buch aus der Stadtbibliothek aus. Der Titel des Buches war „Goodbye Jehova”. Es war mir schon vorher aufgefallen, aber ich hatte mich lange nicht getraut, es auch nur anzufassen. Ich hatte Angst, zufällig von einem Zeugen damit gesehen zu werden. Zu Hause hätte ich es nie lesen können. Erst der Schutz der Klinik gab mir die Möglichkeit dazu.

Und als ich es dann endlich las, war das eine ganz eigene Erfahrung. Neugier und Angst waren gleichzeitig da. Denn sich mit dem auseinanderzusetzen, was Aussteiger zu sagen haben, galt bei den Zeugen Jehovas nicht einfach nur als falsch. Es galt als eine Art Sünde. Ich fühlte mich schuldig, obwohl ich nur ein Buch las. Aber dieses Buch wurde mein Augenöffner. Der Verfasser beschrieb Dinge, die ich selbst erlebt und gedacht hatte. Ich fand mich in seiner Geschichte wieder. Und zum ersten Mal wurde mir von außen bestätigt, daß ich mir meine Zweifel nicht nur einredete.

Meine Ärztin warnte mich, jetzt keine Entscheidung zu treffen. Ich sei dafür nicht stabil genug. Sie hatte vermutlich recht. Aber das, was das Buch in mir ausgelöst hatte, ließ sich einfach nicht mehr ignorieren. Was ich jahrelang für die Wahrheit gehalten hatte, stimmte einfach nicht mehr. Und dieses Wissen ließ sich nicht mehr verdrängen, egal wie sehr ich es versuchte.

Was passiert, wenn du in einer Lebenskrise zum ersten Mal aussprichst, was du wirklich denkst

Schon im Herbst 2014 hatte ich meiner damaligen Frau gegenüber die ersten Andeutungen gemacht, daß mich an den Zeugen Jehovas einiges störte. Aber ich blieb vage und traute mich nicht, wirklich auszusprechen, was ich dachte.

Anfang 2015 ging das nicht mehr. Ich sagte ihr ganz offen, daß ich nicht mehr sicher sei, ob die Organisation der Zeugen Jehovas wirklich von Gott gelenkt wird. Es war vielleicht das Schwierigste, was ich ihr jemals gesagt habe.

Und gleichzeitig hoffte ich insgeheim, daß es vielleicht gar nicht so schlimm kommen würde. Ich war naiv und dachte: Vielleicht sieht sie es ja auch so. Vielleicht sagt sie, daß wir als Familie auch ohne die Zeugen Jehovas ein gutes Leben führen können. Daß wir freier leben können und unseren Kindern ein Leben ermöglichen, in dem sie selbst entscheiden dürfen, was sie glauben. Daß unsere Liebe stärker ist als die Regeln einer Organisation. Ich wünschte mir das so sehr, daß ich wirklich daran glaubte.

Was sie darauf antwortete, tat sehr weh. Es war kein „Laß uns reden“. Kein „Wir finden einen Weg“. Stattdessen sagte sie unter anderem, daß sie jetzt in einer Zwickmühle stecke, weil sie nicht wisse, ob sie die Ältesten darüber informieren müsse. Für mich hätte das ernste Folgen gehabt, denn wer offen an der Organisation zweifelt, muß sich vor den Ältesten verantworten. Und das wollte ich nicht.

Aber nicht nur sie steckte in einer Zwickmühle. Ich genauso. Denn ich hatte etwas ausgesprochen, das ich jahrelang für mich behalten hatte. Und jetzt war es raus. Ich konnte es nicht mehr zurücknehmen und nicht mehr so tun, als hätte ich es nie gesagt. Etwas war ins Rollen gekommen, das sich nicht mehr aufhalten ließ. Wenn du einmal laut aussprichst, was du wirklich denkst, kannst du es nicht mehr ungesagt machen. Ab diesem Moment ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Ich schrieb ihr wenige Tage später eine E-Mail aus der Klinik. Ich konnte nicht auf das nächste Wiedersehen warten, es mußte einfach raus. Ich versuchte zu erklären, was in mir vorging. Daß es mir leid tue, ihr Kummer zu bereiten. Daß ich mich riesig vor den Konsequenzen fürchte. Daß ich mir weder mit noch ohne die Religionsgemeinschaft ein Leben vorstellen könne. Ihre Antwort war klar und deutlich: Die Ältesten seien dazu da, mir zu helfen, nicht mir zu schaden. Und dieses „dunkle Geheimnis“ für sich zu behalten, sei ihr einfach zu viel.

Was darauf folgte, war ein Hin und Her, das mich regelrecht zerriß. Innerhalb weniger Tage schwankte meine Sicherheit, die Religionsgemeinschaft zu verlassen. Doch schließlich stieg mein Entschluß, es trotz allem tun zu wollen, von 70, 80 auf 90 Prozent. Die Richtung war damit klar, aber die Angst vor dem letzten Schritt war riesig. Und dann machte mir meine damalige Frau deutlich, daß sie ohne den gemeinsamen Glauben keine Zukunft mehr für uns beide sieht. Was ich insgeheim befürchtet hatte, traf ein. Ihre Worte machten mir unheimlich Angst, denn jetzt stand nicht nur mein Glaube auf dem Spiel, sondern meine ganze Familie.

Am darauffolgenden Sonntag kamen meine damaligen Schwiegereltern extra zu mir in die Klinik, um mich umzustimmen, worüber ich schon kurz im letzten Artikel berichtet habe. Ich mochte die beiden von Anfang an wirklich sehr und sie mochten mich. Wir standen uns immer nahe.

Sie redeten mir gut zu und sagten, daß die Organisation es doch nur gut mit mir meine, während Abtrünnige Halbwahrheiten verbreiten würden. Ich solle ihnen vertrauen und die Gemeinschaft nicht verlassen. Auch sie hätten schon viele schlimme Zeiten durchgemacht, seien aber trotz allem geblieben. Sie hätten auch nicht gewußt, wohin sie sonst hätten gehen sollen. Zum Schluß betete mein ehemaliger Schwiegervater mit uns. Es war sehr emotional. Und es wirkte.

Die beiden so besorgt zu sehen, ging mir so nahe, daß ich einknickte. Ich teilte meiner damaligen Frau voller Freude und Erleichterung mit, daß wieder alles in Ordnung ist und ich auch wieder Besuch aus der Versammlung haben möchte. Denselben Besuch, den ich kurz zuvor noch abgelehnt hatte. Und er ließ nicht lang auf sich warten.

Es kamen Freunde aus der Versammlung, die versuchten mir Mut zu machen und es sicher auch ehrlich meinten. Denn auch sie hatten Angst, mich als Freund zu verlieren. Und das machte es noch schwerer. Wenn ich mit diesen Menschen zusammen war, fühlte sich alles wieder vertraut und richtig an. Sobald ich jedoch wieder mit mir und meinen Gedanken allein war, kamen die Zweifel mit voller Wucht zurück.

Ich war damals, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, immer schon jemand, der eher auf die Meinung anderer gehört hat als auf seine eigene. Ich hielt andere oft für klüger, erfahrener und dachte, die wüßten schon, wovon sie reden, gerade dann, wenn sie um einiges älter waren. Und genau dieses Muster hielt mich auch jetzt noch fest.

Aber etwas hatte sich dann doch verändert. Die Fragen, die in der Klinik hochgekommen waren, gingen einfach nicht mehr weg. Jedes Mal, wenn ich versuchte, sie wegzudrücken, kamen sie nur noch intensiver zurück. Was ist Wahrheit, wenn die Organisation sie ständig ändert? Was ist Liebe, wenn sie an Bedingungen geknüpft ist? Und wer bin ich eigentlich, wenn ich mein ganzes Leben nach Regeln gelebt habe, an die ich nicht mehr glauben kann?

„Was dich bleiben läßt, ist nicht immer Liebe. Manchmal ist es nur die Angst davor, was passiert, wenn du gehst.”

Der Tag, an dem meine Lebenskrise zu einer folgenschweren Entscheidung führte

Es gab zwei Momente, die alles entschieden haben. Zwischen ihnen lagen zweieinhalb Monate.

Den Brief an die Ältestenschaft hatte ich schon im Januar geschrieben, mich aber nicht getraut, ihn abzuschicken. Am 14. Februar 2015 faßte ich mir endlich ein Herz und ging zum Haus meines Versammlungsvorsitzenden. Ich hatte vor, ihm den Brief zu übergeben. Der Weg zu ihm schien unendlich. Meine Füße waren schwer, wie Blei. Es war niemand zu Hause und so warf ich den Brief in seinen Briefkasten. Darin stand meine Erklärung, daß ich die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas verlasse.

Noch am selben Vormittag sprach ich mit meiner damaligen Frau. Ich hatte ihr am Vorabend von meiner Entscheidung erzählt. Doch was jetzt kam, war kaum auszuhalten. Sie sagte, sie vertraue mir nicht mehr. Ich hätte ihren „Freund Jehova” (Gott) betrogen. Argumente für mein Handeln kamen bei ihr nicht mehr an. Sie empfinde schon seit Monaten nichts mehr für mich. Genau genommen seit ich mich kritisch über die Zeugen Jehovas geäußert habe, also seit Oktober oder November 2014, habe sie sich emotional von mir getrennt.

Ich geriet derart in Panik, daß ich alles wieder ungeschehen machen wollte. Am frühen Nachmittag meldete ich mich telefonisch beim Versammlungsvorsitzenden. Ich konnte den Brief wieder abholen. Ich entschuldigte mich für mein Vergehen und zerriß dann später den Brief.

Ich hatte es nicht mal für ein paar Stunden ausgehalten, kein Zeuge Jehovas mehr zu sein. Das Gespräch mit meiner damaligen Frau am Vormittag hatte mich an meiner Entscheidung zweifeln lassen. Denn ich wollte doch sie und die Kinder nicht verlieren. Ich wollte einfach nur kein Zeuge Jehovas mehr sein und als Mensch geliebt werden, nicht wegen eines Glaubens.

Ich erzählte ihr voller Freude, daß ich alles zurückgenommen habe und den Brief zerrissen habe. Was änderte sich dadurch? Nichts. Es war zu spät. Meine Worte und Entschuldigungen stießen bei ihr auf taube Ohren. Das traf mich so hart, daß ich allen Lebensmut verlor. Ich hatte das Gefühl, daß ich mein Leben zerstört hatte.

Zweieinhalb Monate vergingen, in denen rein gar nichts besser wurde. Die Zweifel blieben. Unsere Beziehung blieb zerrüttet, denn ihre Enttäuschung darüber, daß ich mich gegen ihren Freund Jehova gestellt hatte, war einfach zu groß.

Dann kam der 30. April. Ich lag noch immer in der Klinik. Meine damalige Frau besuchte mich, und ich teilte ihr mit, daß ich die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas verlasse. Diesmal endgültig. Sie stellte nur eine einzige Bedingung: Ich dürfe die Kinder nicht beeinflussen. Bis heute weiß ich nicht, wie sie darauf kam. Das war nie meine Absicht und nie mein Ansinnen gewesen.

Noch am selben Vormittag schrieb ich dem Koordinator der Ältestenschaft, dem Vorsitzenden der Ortsversammlung, eine E-Mail: „Ich möchte Dir und der Ältestenschaft mitteilen, daß ich die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas mit sofortiger Wirkung verlasse. Meine Entscheidung steht fest und ich möchte deshalb mit niemandem mehr darüber diskutieren.”

Noch am selben Abend kam seine Antwort. Keine persönlichen Worte, kein Nachfragen, wie es mir geht. Nur der Hinweis, daß meine Erklärung „nicht rechtssicher” sei, weil sie nicht von mir unterschrieben ist. Rechtssicher. Als ob hier ein Zeitschriftenabo gekündigt würde und nicht ein Mensch sein ganzes bisheriges Leben hinter sich läßt.

Am nächsten Morgen ließ ich die E-Mail in der Klinik ausdrucken, unterschrieb sie von Hand, fotografierte sie mit dem Handy und schickte das Foto zurück. „Ist das jetzt ausreichend?” schrieb ich dazu. Das Ganze fühlte sich an wie in einem Film. Nicht weil ich nicht bei mir war, sondern weil es einfach so unwirklich war. 25 Jahre Zugehörigkeit, beendet mit einer E-Mail und einem Foto von meiner Unterschrift, aufgenommen in einer Klinik.

Bei den Zeugen Jehovas gibt es eine interne Gerichtsbarkeit. Wenn du gegen ihre Regeln verstößt oder die Gemeinschaft verläßt, wird immer ein sogenanntes Rechtskomitee gebildet. Das sind drei Älteste, die deinen Fall beurteilen und ein Urteil sprechen, natürlich auf Grundlage ihrer Auslegung der Bibel.

Normalerweise gehört zu einem Ausschlußverfahren auch ein persönliches Gespräch, in dem dir noch einmal klargemacht wird, was du alles verlierst, einschließlich deines Lebens in Harmagedon, dem schon lange prophezeiten Ende der Welt. In meinem Fall habe ich es ihnen leicht gemacht: Ich wollte kein Gespräch mehr. Ich hatte alles gesagt.

Was meine Lebenskrise meine Familie und mich gekostet hat

Am 7. Mai 2015, also nur eine Woche später, erhielt ich frühmorgens eine E-Mail vom Koordinator der Ältestenschaft: „Gestern Abend wurde dein Verlassen der Versammlung bekanntgegeben. Jehova und wir werden unsere Augen immer zum Horizont richten, um den verlorenen Sohn wieder willkommen heißen zu können.”

Das waren also 25 Jahre. Vom ersten Gedächtnismahl am 10. April 1990 bis zur Bekanntgabe am 6. Mai 2015. Was danach kam, hat mich härter getroffen als alles, was ich mir je ausgemalt hatte.

Noch bevor mein Austritt in der Versammlung bekanntgegeben wurde, sprach ich selbst mit meinen Kindern darüber. Ich wollte, daß sie es von mir hören und nicht von jemand anderem. Meine damalige Frau war bei den Gesprächen dabei. Ich sprach mit jedem einzeln. Es fiel mir sehr schwer. Die drei Jungs und meine Tochter waren damals zwischen neun und achtzehn Jahre alt. Und ich sagte jedem von ihnen, daß sich an unserem Verhältnis dadurch nichts ändern wird. Daß ich sie liebe. Daß ich sie wirklich von Herzen liebe. Wenn ich das heute schreibe, kommen mir die Tränen.

Meine beiden jüngeren Söhne nickten und nahmen es irgendwie hin. Sie wußten nicht so recht, was sie damit anfangen sollten und was das genau bedeutet. Mein ältester Sohn war zu dem Zeitpunkt schon achtzehn und ging nicht mehr in die Versammlung. Für ihn war es wohl weniger ein Schock als für die anderen.

Bei meiner Tochter war es anders. Sie hatte sich 2014 auf einem Kongreß taufen lassen und war mit vollem Herzen dabei. Für sie waren die Zeugen Jehovas nicht einfach nur die Religion ihrer Eltern, sondern ihre eigene Überzeugung. Und jetzt sagte ihr Vater, daß er genau das alles hinter sich läßt. Ich sah es sofort in ihrem Gesicht. Das Lächeln, das sie mir vorher immer geschenkt hatte, war plötzlich nicht mehr da. In diesem Moment ging etwas zwischen uns kaputt, das bis heute nicht wieder heil geworden ist. Meine Tochter spricht bis heute nicht mit mir, worunter ich sehr leide.

Insgeheim hoffte ich so sehr, daß der Kontakt zu ihnen bestehen bleibt. Daß mir das nicht auch noch genommen wird. Daß meine Kinder meine Kinder bleiben, egal was mit dem Glauben passiert.

Doch dann teilte mir meine damalige Frau mit, daß die Kinder mich erst einmal nicht mehr sehen sollten. Sie hatte Angst, ich könnte sie mit meinen Zweifeln anstecken. Ob sie die Kinder getröstet hat, ob sie ihnen Mut gemacht hat, daß sich an der Beziehung zu ihrem Papa nichts ändert, so wie ich es ihnen versprochen hatte, das weiß ich bis heute nicht.

Im Juni zog ich dann in eine eigene Einzimmerwohnung. Am Umzugstag kam meine damalige Frau mit. Wir machten eine einzige Fuhre. Sie trug ein paar Sachen mit hoch und schaute sich in der Wohnung um. Wir standen noch kurz zusammen auf dem Balkon, Dann war sie weg. Was ich damals nicht ahnte: Sie war für immer weg.

Ich hatte eine Liege, einen Stuhl und einen kleinen Tisch. Ein ganzes Leben, zusammengepackt in ein paar Säcke und Kisten. Es sah ziemlich chaotisch aus. Und auch wenn ich mir einredete, froh zu sein, daß ich es bis hierhin geschafft hatte, hing mir der Abschied schwer an. Der Abschied von meiner Frau, von meinen Kindern, von allem, was mein Leben bisher ausgemacht hat.

Zwei Tage später feierte ich zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder meinen Geburtstag. Allein, mit einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee. Ich erhielt Anrufe und Nachrichten von meinen Geschwistern und von ehemaligen Kollegen, über die ich mich sehr freute. Es war ungewohnt, aber trotzdem irgendwie schön. Doch die guten Momente blieben leider die Ausnahme.

Meine Tochter verweigerte jedes Telefonat. Ich wollte ihr nur schöne Ferien wünschen, aber sie nahm den Hörer nicht ab. Als ich sie irgendwann doch erreichte, sagte sie: „Wenn ich mit dir spreche, werde ich Sachen sagen, die ich hinterher bereue. Deshalb spreche ich nicht mit dir.” Sie war damals fünfzehn. Fünfzehn Jahre und so voller Wut auf ihren Vater, daß sie lieber gar nicht mit ihm sprach, als etwas Falsches zu sagen. Das muß man sich mal vorstellen. Und ich konnte ihr nicht einmal erklären, warum ich gegangen war, denn das durfte ich ja nicht. Ich durfte die Kinder nicht beeinflussen.

Einige Monate später sagte mein jüngster Sohn bei einem Besuch zu mir: „Papa, irgendwie ist das komisch. Immer wenn du da bist, hab ich plötzlich keine Lust mehr, was mit dir zu unternehmen.“ Ein Kind sagt so etwas nicht einfach von sich aus. Jahre später erzählte er mir, daß er von anderen aus der Versammlung gedrängt worden war, den Kontakt zu mir abzubrechen.

Meine Schwiegereltern, zu denen ich doch ein so enges Verhältnis hatte, durften und wollten keinen Kontakt mehr zu mir haben. Meine damalige Frau war nie ein einziges Mal in meiner fertig eingerichteten Wohnung.

Daß mein Erleben kein Einzelfall ist, weiß ich nicht nur aus Gesprächen mit anderen Aussteigern. Eine Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2023 hat das schwarz auf weiß bestätigt. Die Forscher haben 424 ehemalige Zeugen Jehovas in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt, und die Ergebnisse bestätigen das, was ich und viele andere durchgemacht haben:

Von allen Befragten waren 77 Prozent von verordnetem Kontaktabbruch betroffen. 77 Prozent. Das heißt, bei mehr als drei von vier Aussteigern mußten auch die engsten Familienangehörigen, Eltern, Kinder, Geschwister, den Kontakt abbrechen. (Thurgauer Zeitung)

Was die Studie auch zeigt: Drei von vier Befragten hatten während ihrer Mitgliedschaft kaum oder gar keinen Kontakt zu Menschen außerhalb der Gemeinschaft. Wenn du das liest, verstehst du, warum so viele Aussteiger danach völlig allein dastehen. Du hast dir über Jahre kein Netz außerhalb aufgebaut, das dich auffangen könnte. Und wenn du dann gehst, stehst du allein da. Genau so war es auch bei mir.

Mein Austritt hat nicht nur mich alles gekostet. Meine Kinder mußten ohne ihren Vater aufwachsen. Meine damalige Frau mußte allein zurechtkommen. Auch ihre Welt war zusammengebrochen, nur aus einem anderen Grund: Der Traum von einer Ehe mit einem eifrigen Zeugen Jehovas, der vielleicht eines Tages Ältester geworden wäre, war geplatzt. Ich war nicht mehr der Mann, in den sie sich verliebt hatte. Es hat damals jeden von uns sehr viel gekostet.

Warum eine Lebenskrise nicht endet, nur weil du dich entschieden hast

Ich dachte, nach dem Austritt würde es mir schnell besser gehen. Daß sich diese Entscheidung, die sich doch so richtig angefühlt hatte, auch endlich so anfühlen würde. Befreiung, Erleichterung, ein neuer Anfang. Und wenn ich ganz ehrlich bin, kam im Hintergrund auch noch ein anderer Gedanke hoch: Sollten die Zeugen Jehovas am Ende doch recht haben? Sie sagen ja, daß jeder, der geht, unglücklich werden wird und ein elendes Leben führen wird. Sollten sie am Ende doch recht behalten? Anfangs sah es ganz danach aus.

Nichts von der erhofften Befreiung trat ein. Stattdessen wurde es erst einmal noch viel schlimmer. Im Dezember 2015 schrieb ich in mein Tagebuch: „Wozu das noch alles?” Die Einsamkeit fraß mich regelrecht auf. Ich hatte vier Kinder und keines wollte mich von sich aus sehen. Ich hatte 25 Jahre lang in einer Gemeinschaft gelebt, und kein einziger Mensch daraus sprach noch mit mir.

Der Vorsatz, mir ein neues Leben aufzubauen, klang gut. Aber die Wahrheit war: Ich hatte mich selbst isoliert. Nach 25 Jahren in einer Gemeinschaft, die mir vorgeschrieben hatte, wer gut für mich ist und wer nicht, traute ich meinem eigenen Urteil über Menschen nicht mehr.

Ich hatte Angst, wieder an die Falschen zu geraten. Wieder jemandem zu vertrauen, der mich nicht als Mensch sieht, sondern nur so lange an meiner Seite bleibt, wie ich seinen Erwartungen entspreche. Also öffnete ich mich kaum. Ein paar wenige Kontakte hatte ich, aber wirklich einlassen konnte ich mich auf niemanden.

Was mich damals fast zurückgetrieben hätte, waren einzig und allein meine Kinder. Deshalb ließ mich der Gedanke, wieder zu den Zeugen Jehovas zurückzukehren, einfach nicht los. Immer wieder kreisten meine Gedanken darum, ich wog ab, verwarf den Gedanken und fing von vorne an.

Irgendwann setzte ich mich hin und schrieb mir zwei Listen. Eine mit allem, was schön wäre, wenn ich wieder ein Zeuge Jehovas bin. Und eine mit allem, was dagegen spricht. Auf der einen Seite stand: Versöhnung, wieder bei den Kindern sein, nicht mehr allein. Auf der anderen Seite standen alle Zweifel, die mich überhaupt erst zum Gehen gebracht hatten. Als ich beide Listen nebeneinanderlegte, sah ich es schwarz auf weiß: Auf der einen Seite standen nur Menschen, die ich liebte und die mir fehlten, jeden einzelnen Tag. Auf der anderen nur die Organisation und alles, woran ich nicht mehr glauben konnte.

Und trotzdem ging ich im Januar 2017 wieder in eine Zusammenkunft der Zeugen Jehovas. Weil die Sehnsucht nach meinen Kindern stärker war als alles, was auf irgendeiner Liste stand.

Für mich als Ausgeschlossenen galten dabei klare Regeln, die ich noch aus meiner Zeit dort kannte: Du betrittst den Königreichssaal, so heißen die Versammlungsräume der Zeugen Jehovas, kurz bevor es losgeht. Du sitzt in der letzten Reihe still da. Niemand darf mit dir reden und du darfst mit niemandem reden. Nicht einmal ein freundliches „Hallo, schön, daß du da bist“ ist erlaubt. Und sofort nach der Zusammenkunft verläßt du den Saal wieder, um ja niemanden in die Verlegenheit zu bringen, dich doch grüßen zu wollen.

Die vertrauten Gesichter zu sehen, war trotz allem gut. Und vor allem sah ich dort meine Kinder, alle außer meinem ältesten Sohn, der zu der Zeit selbst nicht mehr in die Versammlung ging. Meine beiden jüngeren Söhne mußten während der Zusammenkunft zur Toilette. Als sie mich auf dem Weg dorthin sahen, winkten sie mir ganz schüchtern zu. Verlegen, weil sie wußten, daß sie das eigentlich nicht durften. Aber sie taten es trotzdem.

Am Ende der Zusammenkunft gab ich dem Vater von Thomas, von dem ich im vorherigen Artikel erzählt habe, meine neue Adresse. Er hatte dabei Tränen in den Augen, da wir uns sehr gemocht hatten. Ich hoffte, er würde mich irgendwann besuchen kommen. Er hat sich nie gemeldet. Für ihn war ich wohl auch eher eine Gefahr, als ein alter Bekannter.

Ich ging ein zweites Mal hin. Diesmal lief meine Tochter während der Zusammenkunft direkt an mir vorbei, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Das tat unheimlich weh.

Beim dritten Mal betete ich vorher inständig zu Gott: Zeig mir doch bitte, ob das wirklich dein auserwähltes Volk ist, wie sie sich gerne bezeichnen. Die Antwort kam nicht direkt von oben, sondern wurde mir auf dem Parkplatz vor dem Königreichssaal gezeigt.

Der Koordinator der Ältestenschaft, derselbe, der mir geschrieben hatte, er würde nach dem „verlorenen Sohn“ Ausschau halten, nahm mich wahr und ging an mir vorbei, ohne mich auch nur zu grüßen. Der verlorene Sohn war also nur eine leere Floskel gewesen.

Während der Zusammenkunft wuchs meine Anspannung von Minute zu Minute. Ich konnte nicht fassen, was da geschehen war. War doch alles nur eine Lüge? Ich hielt es dort nicht mehr aus und ging noch vor Ende der Zusammenkunft. Es war mein letzter Besuch in der Versammlung. Ich hatte mein Zeichen bekommen.

Mein Therapeut sagte mir in dieser Zeit etwas, das ich nicht hören wollte, aber dringend brauchte: Eine Rückkehr nur wegen der Familie sei die falsche Motivation. Das gehe schief.

Trotz allem ließ mich der Gedanke an eine Rückkehr nicht los. Ende 2017 wandte ich mich deshalb an Jürgen, den ich schon im vorherigen Artikel erwähnt habe und der während meiner ersten Jahre bei den Zeugen Jehovas zu einer Art Vaterfigur für mich geworden war. Wir hatten bestimmt elf Jahre lang keinen Kontakt mehr gehabt, da wir uns durch unseren Umzug nach Dresden aus den Augen verloren hatten. Aber ich wußte einfach nicht mehr, an wen ich mich sonst wenden sollte.

Er erklärte mir, daß es ein Wiederaufnahmegesuch braucht, in dem ich erkläre, daß ich meine Sünden bereut habe und wieder zurückkommen möchte. Mehr vorerst nicht. Das klang einfach, doch für mich war es das nicht. Ich haderte lange mit mir, aber letztendlich schrieb ich Anfang Januar 2018 doch dieses Wiederaufnahmegesuch.

Bereits hinter die Überschrift „Wiederaufnahmegesuch“ setzte ich ein Fragezeichen. Ein Fragezeichen, das eigentlich schon mehr sagte als die sechs Seiten, die folgten. Denn ich wollte nicht wirklich zurück. Ich wollte meine Familie zurück, meine Kinder. Aber bei den Zeugen Jehovas bekommst du das eine nicht ohne das andere.

Es kam, wie es kommen mußte. Das Rechtskomitee lehnte ab. Für eine Wiederaufnahme sei es zu früh. Meine Zweifel enthielten „deutliche Gedanken von Abtrünnigen“. Das von mir gewünschte persönliche Gespräch? Nicht vorgesehen. Ich müsse es allein schaffen.

Was ich damals geschrieben habe, zeigt besser als alles andere, wie zerrissen ich innerlich war. Denn was als Wiederaufnahmegesuch gedacht war, las sich am Ende eher wie eine Anklageschrift. Ich focht darin unter anderem die Gültigkeit meines Ausschlusses an.

Gleichzeitig listete ich auf sechs Seiten all meine Zweifel auf und bat die Ältesten, sie mir „mit stichhaltigen Argumenten auszuräumen“. Dabei ging es mir unter anderem um Vorhersagen über Harmagedon, das Ende der Welt, wie es bei den Zeugen Jehovas heißt, die immer wieder gemacht wurden und nie eintrafen.

Es ging mir auch um die Frage, warum ausgerechnet die Zeugen Jehovas die einzigen sein sollen, die Gott anerkennt, wo es doch so viele aufrichtige Menschen auf dieser Welt gibt. Und vor allem aber auch um die vielen Widersprüche zwischen dem, was die Organisation nach außen predigt, und dem, was ich innerhalb erlebt habe.

Ein Ältester sagte mir einmal sogar ganz offen: „Es gibt nichts in der Organisation, was es nicht gibt.“ Zu dem Zeitpunkt war ich noch voller Überzeugung und Tatendrang. Ich konnte und wollte mit diesem Satz nichts anfangen, denn hätte ich ihn an mich herangelassen, wären Zweifel gekommen. Dieser Satz war dennoch in mir hängen geblieben, auch wenn ich ihn jahrelang weggedrückt habe. Erst als meine eigenen Zweifel immer lauter wurden, verstand ich, was er damit gemeint hatte.

Und trotzdem bat ich am Ende dieses Schreibens um einen Termin, weil ich „so schnell als möglich zu Jehovas Organisation zurückkehren“ wollte. Sechs Seiten voller Zweifel, und im letzten Absatz die Bitte um Wiederaufnahme. Wenn ich das heute lese, muß ich fast über mich selbst schmunzeln.

Ich wußte ja innerlich längst, daß sie mir diese Zweifel gar nicht ausräumen konnten. Ich hatte mich viel zu gründlich damit beschäftigt. Aber ich war so verzweifelt, meine Kinder wiederzubekommen, daß ich den einzigen Weg ging, der mir noch einfiel. Auch wenn es der falsche war.

Warum du an einer Lebenskrise nicht zugrunde gehen mußt

Im Dezember 2015 sagte mein Therapeut einen Satz zu mir, den ich erst viel später wirklich begriffen habe. Er sagte: Die Zeugen Jehovas behaupten, daß es jedem, der die Organisation verläßt, schlecht gehen wird. Wenn du jetzt aufgibst, gibst du ihnen recht. Wenn du es aber durchstehst und es dir irgendwann wieder gut geht, dann hast du den Beweis, daß sie falsch lagen.

Was dieser Satz in dem Moment mit mir gemacht hat, weiß ich gar nicht mehr so genau. Er hat nicht dafür gesorgt, daß es mir plötzlich besser ging. Aber er hat mir einen Grund gegeben, am nächsten Morgen aufzustehen. Und am Morgen danach. Und am Morgen danach.

Was ich erlebt habe, wird auch durch die von mir bereits erwähnte Studie der Universität Zürich bestätigt: Selbst 13 Jahre nach dem Verlassen der Gemeinschaft litten die Befragten noch deutlich häufiger unter psychischen Erkrankungen und den Folgen ihrer Erlebnisse als Menschen, die nie in einer solchen Gemeinschaft gelebt hatten.

Der Austritt fühlt sich eben nicht sofort wie eine Befreiung an. Bei mir dauerte es ganze fünf Jahre, bis es wirklich aufwärts ging. Fünf Jahre mit einzelnen Lichtblicken dazwischen, aber auch mit vielen tiefen Einbrüchen. Die Einsamkeit und der Schmerz, meine Kinder verloren zu haben, haben mich in dieser Zeit an Grenzen gebracht, die ich hier nicht beschreiben werde. Nur so viel: Es gab Momente, in denen ich nicht mehr konnte. Aber ich habe es geschafft.

Und egal wie schlimm es war, eine Hoffnung habe ich nie aufgegeben: Daß meine Kinder es irgendwann verstehen, spätestens wenn sie erwachsen sind und ihr eigenes Leben leben. Denn ich konnte damals nicht anders. Wäre ich geblieben, hätte ich mich irgendwann selbst verloren.

Mein Therapeut hatte einige Monate später noch etwas anderes gesagt: Jetzt soll ich herausfinden, wer ich wirklich bin und was ich mit meinem Leben anfangen will. Und ich soll mein Leben auf eigene Füße stellen. Ich habe seinen Rat befolgt, auch wenn es Jahre dauerte.

Ich werde manchmal gefragt, ob ich durch all das meinen Glauben an Gott verloren habe. Meine Antwort darauf ist ganz klar: Nein. Im Gegenteil. Ich habe meinen Glauben an eine Organisation verloren, aber nicht an Gott. Mein Glaube an ihn ist heute stärker als je zuvor. Er ist für mich nicht mehr etwas, das mir andere vorgeben, sondern etwas, das ich selbst spüre und erlebe. Gott, wie man ihn auch nennen mag, ist jetzt für mich realer als jemals zuvor in den 25 Jahren bei den Zeugen Jehovas.

Heute weiß ich, daß nichts von all dem, was ich durchgemacht habe, umsonst war. Daß meine Seele genau diesen Weg gehen wollte, mit allem, was er mich gekostet hat, um endlich zu begreifen, wer ich wirklich bin und was in mir steckt.

Was mich meine Lebenskrise gelehrt hat

Wenn du gerade an einem ähnlichen Punkt stehst wie ich damals, dann möchte ich dir ein paar Dinge mitgeben, die ich gern schon viel früher verstanden hätte.

Igel dich nicht ein

Mein größter Fehler nach dem Austritt war, daß ich mich aus Angst, wieder an die falschen Menschen zu geraten, von allem ferngehalten habe. Ich dachte, wenn ich mich auf niemanden einlasse, kann mich auch niemand mehr verletzen. Das stimmte zwar, aber es hat mich auch jahrelang gebremst. Ich war so damit beschäftigt, mich zu schützen, daß ich dabei schlicht vergessen habe zu leben.

Suche trotz allem weiterhin den Kontakt zu Menschen und achte dabei auf dein Bauchgefühl. Wenn du in einer neuen Gemeinschaft, einer neuen Beziehung oder einem neuen Umfeld wieder anfängst, dich zu verbiegen, dann ist es wohl eher nicht das richtige für dich.

Wenn du merkst, daß du deine Gedanken wieder für dich behältst, weil du Angst hast, nicht mehr dazuzugehören, dann bist du wieder am falschen Ort. Wenn dein Bauchgefühl dir sagt, daß etwas nicht stimmt, dann hör darauf. Es ist kein hundertprozentiger Schutz, aber es ist dein bester Kompaß.

Triff deine Entscheidung erst, wenn du bereit für das bist, was danach kommt

Bei mir hat es zwei Anläufe gebraucht. Beim ersten Mal habe ich nach wenigen Stunden wieder einen Rückzieher gemacht, weil ich die Konsequenzen nicht aushalten konnte. Beim zweiten Mal habe ich es durchgezogen, obwohl ich genau wußte, was es mich kosten wird. Der Unterschied war nicht die Entscheidung selbst. Die war beide Male dieselbe. Der Unterschied war, daß ich erst beim zweiten Mal innerlich soweit war, auch den Preis dafür zu zahlen. Und genau das hat mich davor bewahrt, wieder einzuknicken.

Sei ehrlich mit dir selbst

Ich könnte alles der Organisation der Zeugen Jehovas in die Schuhe schieben. Die Regeln, den Druck, das Kontaktverbot. Und vieles davon ist auch so. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber ich habe mir auch selbst etwas vorgemacht. Ich habe zu oft auf die Meinung anderer gehört, statt auf meine eigene. Ich habe Dinge, die in meiner Ehe schiefgelaufen sind, auf den Glauben geschoben, obwohl ich auch selbst meinen Anteil daran habe. Solange ich nur mit dem Finger auf andere gezeigt habe, bin ich keinen Schritt weitergekommen. Das war vielleicht eine der wichtigsten Lektionen von allen.

Der Preis des Gehens ist hoch

Aber der Preis des Bleibens hätte mich am Ende alles gekostet. Du zahlst immer, ob du gehst oder ob du bleibst. Ich habe mich für den Weg entschieden, der mehr wehgetan hat. Ich habe meine Kinder verloren, meine Frau, meine Freunde, mein ganzes bisheriges Leben. Aber ich habe dafür etwas zurückbekommen, das ich vorher nie hatte: mich selbst.

Wenn du gerade in einer Lebenskrise steckst und nicht weißt, wohin

Vielleicht hast du dich in Teilen meiner Geschichte wiedererkannt. Vielleicht lebst du gerade in einer Struktur, die dich festhält. Vielleicht hast du die Entscheidung schon getroffen und stehst jetzt allein da. Oder du ahnst, daß du sie bald treffen mußt, und die Angst davor lähmt dich.

Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich habe es selbst durchlebt, mit allem, was dazugehört. Und auf meinem Weg habe ich etwas gefunden, das mir geholfen hat, wirklich bei mir anzukommen. Heute begleite ich selbst Menschen auf genau diesem Weg. Und weil ich jeden Umweg kenne, den ich selbst gemacht habe und der nicht nötig gewesen wäre, kann ich dir viele davon ersparen. Bei mir hat es Jahre gedauert, weil ich alles mit mir allein ausmachen wollte. Das muß bei dir nicht so sein. Wenn du spürst, daß du Begleitung brauchst, dann schau dir gerne an, wie ich arbeite.

Und vielleicht liest du diese Zeilen als jemand, der selbst noch in einer solchen Gemeinschaft lebt und dieses Zweifeln kennt, das du vor niemandem aussprechen darfst. Du mußt heute keine Entscheidung treffen. Aber wenn du dich in meiner Geschichte wiedererkennst, dann weißt du jetzt, daß du mit dem, was du fühlst, nicht allein bist.

Egal wo du gerade stehst: Schreib mir einfach. Es muß kein langer Text sein. Ich war dort, wo du jetzt stehst, und ich lasse dich damit nicht allein.

In einem der nächsten Artikel erzähle ich dir, wie ich nach all dem wieder auf die Beine gekommen bin. Wie aus dem Überleben irgendwann wieder Leben wurde.

Schau gern regelmäßig auf meinem Blog vorbei und abonniere auch gern meinen Newsletter für zusätzliche Gedanken und Impulse von mir. So verpaßt du auch keinen der neuen Blogartikel.

Liebe Grüße, Mirko


Häufig gestellte Fragen zu Lebenskrise, Sektenausstieg und Kontaktabbruch


Was passiert nach einem Sektenausstieg mit den Beziehungen zur Familie?

Bei den Zeugen Jehovas und ähnlichen Gemeinschaften sind Aussteiger häufig von verordnetem Kontaktabbruch betroffen. Das bedeutet, daß Familienangehörige, die noch Mitglieder sind, den Kontakt abbrechen müssen.

Eine Studie der Universität Zürich zeigte, daß 77 Prozent der befragten ehemaligen Zeugen Jehovas diese Erfahrung gemacht haben. Der Kontaktabbruch trifft nicht nur Freundschaften, sondern auch die engsten Beziehungen: Eltern, Kinder und Geschwister.

Die vollständige Studie ist beim Fachverlag unter dem Titel „Characteristics of health and well-being in former Jehovah’s Witnesses in Austria, Germany, and Switzerland“ abrufbar, allerdings in englischer Sprache. (Originalstudie)

Eine deutschsprachige Zusammenfassung der Ergebnisse findet sich in der Thurgauer Zeitung.

Wie erkenne ich, daß ich in einer Lebenskrise stecke und nicht einfach nur eine schwere Phase habe?

Eine schwere Phase fühlt sich schlimm an, aber du weißt im Grunde, daß es irgendwann vorbeigeht. Eine Lebenskrise ist anders. Du merkst, daß du morgens aufwachst und dich fragst, wozu das alles noch. Du funktionierst zwar noch, aber du spürst, daß du dich dabei selbst verlierst.

Du schiebst Entscheidungen vor dir her, weil du weißt, daß sie alles verändern würden. Und dieses Gefühl geht nicht weg, egal wie lange du es wegdrückst. Wenn du das bei dir wiedererkennst, dann ist es mehr als eine Phase.

Warum ist es so schwer, eine kontrollierende Gemeinschaft zu verlassen, obwohl man weiß, daß etwas nicht stimmt?

Weil du in der Gemeinschaft alles hast, was dir ohne sie fehlt: Freunde, Familie, Struktur, eine klare Antwort auf jede Frage. Der Austritt bedeutet, daß du all das auf einen Schlag verlierst und nicht weißt, ob je wieder etwas Neues kommt.

Dazu kommt, daß viele dieser Gemeinschaften ihre Mitglieder schon früh darauf vorbereiten, daß Zweifel ein Angriff von außen sind. Das macht es doppelt so schwer, den eigenen Zweifeln zu vertrauen.

Wie geht es nach dem Austritt aus einer Gemeinschaft wie den Zeugen Jehovas weiter?

Ich kann dir ja mal sagen, wie ich es gemacht habe, und was ich heute anders machen würde. Ich habe jahrelang in Aussteiger-Foren im Internet nach Bestätigung gesucht, daß ich richtig gehandelt habe. Ich habe alles mit mir selbst ausgemacht, weil ich niemandem mehr vertraut habe.

Es hat mehr schlecht als recht funktioniert und es hat viel zu lange gedauert und mich unnötig viel Kraft und vor allem Lebensjahre gekostet. Hätte ich mir damals jemanden an die Seite geholt, der diesen Weg kennt, wäre mir einiges erspart geblieben. Genau deshalb biete ich heute selbst diese Begleitung an. Weil niemand das allein durchstehen muß, so wie ich es getan habe.

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