Zugehörigkeit um jeden Preis: Wie die Sehnsucht nach Halt mich in eine Welt führte, die mich alles kostete

Zugehörigkeit

Lesezeit: ca. 24 Minuten

Glück Auf, ihr Lieben,

ich veröffentliche diesen Artikel am 10. April 2026. Auf den Tag genau 36 Jahre, nachdem ich zum ersten Mal eine größere Veranstaltung der Zeugen Jehovas besucht habe. An diesem Abend im April 1990 begann etwas, das über 25 Jahre mein ganzes Leben bestimmen sollte. Meine Freundschaften, meine Ehe, meine Kinder, meine Beziehung zu meinen Geschwistern, meine Sicht auf die Welt und sogar die Art, wie ich über mich selbst dachte.

Heute erzähle ich dir meine Geschichte. Nicht weil sie außergewöhnlich ist, sondern weil sie ein Muster zeigt, das viele Menschen kennen. Vielleicht aus einer religiösen Gemeinschaft. Vielleicht aus einer Freikirche, einem spirituellen Kreis oder einer Beziehung, in der du dich verloren hast.

Die Namen sind austauschbar. Das Muster ist jedoch immer dasselbe: Du suchst Halt, du findest eine Gemeinschaft, du gibst dich selbst Stück für Stück auf und merkst es nicht. Weil sich Zugehörigkeit so gut anfühlt, daß du den Preis dafür erst viel später erkennst.

Was ist Zugehörigkeit?

Zugehörigkeit ist das tiefe menschliche Bedürfnis, Teil von etwas Größerem zu sein, angenommen und gesehen zu werden, so wie du bist. Sie gehört zu den stärksten Kräften in uns. Doch wenn Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft ist, zahlst du dafür einen Preis, den du oft erst Jahre später erkennst.


Warum Zugehörigkeit mehr ist als nur dazugehören wollen

Dazugehören zu wollen, das kennen sicher die meisten. Aber echte Zugehörigkeit ist mehr als nur dabei sein. Es geht darum, daß du so angenommen wirst, wie du bist. Daß du dich wohlfühlst. Daß du das Gewühl hast, dich nicht verstellen zu müssen oder nur geduldet zu sein. Es geht darum, gesehen zu werden und zu spüren: Hier darf ich einfach ich sein. Das ist etwas, das wir alle brauchen.

Daß das nicht nur ein Gefühl ist, sondern tief in uns angelegt ist, bestätigt auch die Psychologie. Sie ordnet Zugehörigkeit als eines der menschlichen Grundbedürfnisse ein (MindDoc Magazin). Wird es dauerhaft nicht erfüllt, kann das zu starken Einsamkeitsgefühlen und sogar zu psychischen Erkrankungen führen. Wenn dieses Bedürfnis nicht gestillt wird, macht das etwas mit uns. Viele suchen erstmal die Schuld bei sich und denken, daß irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Sie meinen, nirgendwo hinzupassen. Sie fühlen sich falsch, so wie sie sind. Das führt zu tiefer Traurigkeit und irgendwann merken sie es nicht mal mehr, weil sie sich daran gewöhnt haben.

Und genau in dieser Verzweiflung werden wir anfällig. Nicht für schlechte Entscheidungen, sondern für Angebote, die sich nach Rettung anfühlen, wie zum Beispiel eine Gemeinschaft, die dich herzlich willkommen heißt und dir ein gutes Gefühl vermittelt. Die Menschen dort nehmen dich sofort an, ohne dich überhaupt zu kennen. Es gibt klare Regeln, die Orientierung geben, wenn du selbst keine mehr hast. All das fühlt sich zu Beginn nicht wie ein Käfig an. Es fühlt sich an wie Nach-Hause-Kommen.

In meinem Artikel „Wie ich heute auf das Leben schaue …“ habe ich schon darüber geschrieben, daß ich fast mein ganzes Leben im Außen nach Bestätigung gesucht habe. Doch dieses Muster begann nicht erst als Erwachsener. Es wurde in einem Herbst deutlich sichtbar, in dem für mich als 15-Jähriger eine ganze Welt zusammengebrochen ist.

Zwischen Orientierungslosigkeit und dem Wunsch, endlich Halt zu finden

Im Herbst 1989 war ich gerade mal 15 Jahre alt. Ich lebte im Erzgebirge, war, wie so viele, Mitglied der Pionierorganisationen und später der FDJ. FDJ war die Abkürzung für Freie Deutsche Jugend und war die staatliche Jugendorganisation in der DDR. Die sozialistische Ideologie war für mich ganz selbstverständlich. Nicht weil ich sie wirklich verstanden hätte, sondern weil sie in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, normal war und ich nichts anderes kannte. Sie war für mich etwas Verläßliches und gab mir Struktur, Orientierung und auch meinen Platz in diesem System.

Dann, im November 1989, fiel die Mauer. Und mit ihr fiel alles, was ich bis dahin für sicher gehalten hatte. Die Lehrer, die gestern noch von der Überlegenheit des Sozialismus in hohen Tönen gesprochen hatten, redeten plötzlich ganz anders. Betriebe schlossen nach und nach. Die Erwachsenen um mich herum waren verunsichert, manche regelrecht verängstigt.

Ich spürte, daß selbst die Menschen, zu denen ich damals aufblickte, keinen Plan mehr hatten. Welchen Beruf sollte ich nach der Schule erlernen, wenn ganze Betriebe aufgelöst wurden? Wie sollte es überhaupt weitergehen? Die Orientierungslosigkeit nach der Wende traf nicht nur mich. Ganze Familien suchten nach neuem Halt.

Und genau in dieser Zeit, in der ich einfach nicht mehr wußte, wo ich hingehöre, nahm mich meine Mutter am 10. April 1990 zum ersten Mal zu einer größeren Veranstaltung der Zeugen Jehovas mit. Es war das Gedächtnismahl, eine jährliche Feier zum Gedenken an den Tod von Jesus.

Und für die Zeugen Jehovas war es in jenem Jahr etwas ganz Besonderes: die erste freie Veranstaltung dieser Art nach dem Fall der Mauer. Denn die Zeugen Jehovas waren in der DDR seit 1950 verboten, also fast vierzig Jahre lang. Über 5.000 ihrer Mitglieder kamen in dieser Zeit in Gefängnisse. Ihnen wurde zu Anfang von der DDR-Regierung vorgeworfen, sie würden Spionage für den „amerikanischen Imperialismus“ betreiben. Erst am 14. März 1990, wenige Wochen vor diesem Abend, wurden sie in der noch bestehenden DDR als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Meine Mutter gehörte schon lange zu ihnen. Sie hatte sich ihnen noch in der Zeit des Verbots angeschlossen. Was dieser verbotene Glaube mit meiner Mutter und dadurch auch mit mir gemacht hat, habe ich in meinem Artikel über negative Glaubenssätze ausführlicher beschrieben.

Als Kind war ich ein paar Mal bei den Zusammenkünften der Zeugen Jehovas dabei gewesen, die damals heimlich in Privatwohnungen stattfanden. Aber als Junge hatte ich kaum Interesse daran. Im Fernsehen liefen zur gleichen Zeit meine Lieblingsserien im Vorabendprogramm, und die waren mir damals deutlich wichtiger, als mit „alten“ Leuten gemeinsam die Literatur der Zeugen zu durchforschen.

Doch an diesem Aprilabend 1990 war alles anders. Ich war nicht mehr der unbekümmerte Junge vor dem Fernseher. Ich war ein Jugendlicher ohne Halt, ohne Orientierung und voller Angst vor einer Zukunft, die niemand mehr vorhersehen konnte.

Nach der Veranstaltung kam ich mit Jürgen ins Gespräch. Er sollte später eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen. Er fragte mich: „Was hat dir die Welt noch zu bieten?“

Darauf hätte ich vieles sagen können. Daß ich neugierig auf das war, was jetzt kam. Daß mich die neue Freiheit auch ein bißchen reizte. Daß ich erst mal in Ruhe herausfinden wollte, wer ich jenseits des sozialistischen Gedankenguts eigentlich bin. Doch nichts davon kam über meine Lippen. In der „Welt“, wie die Zeugen Jehovas alles außerhalb ihrer Gemeinschaft nannten, sah ich in diesem Moment nur Chaos und eine unsichere Zukunft. Denn in all den Jahren davor wurde mir ja in der Schule beigebracht, daß der Kapitalismus und alles, was er mit sich bringt, böse ist.

Für mich war die Antwort deshalb klar: Nichts. Ich sagte tatsächlich „Nichts“. Und diese Gemeinschaft hatte vermeintlich alles, was mir fehlte. Daß ich mich bis heute noch so genau an seine Worte erinnere, macht mir gerade beim Schreiben deutlich, wie einschneidend doch dieser Abend für mich war.

Jürgen hatte mit seiner Frage etwas in mir ausgelöst, das mir von da an keine Ruhe mehr ließ. So kam es, daß ich mich voll und ganz auf die Zeugen Jehovas einließ. Mit meiner Mutter besuchte ich von da an alle Zusammenkünfte. Es waren jede Woche drei. Ich war von Anfang an begeistert und brannte schnell für diesen neuen Lebensweg.

Am 10. August 1991 wurde ich dann zusammen mit über 2.000 anderen Täuflingen im Strahov-Stadion bei einem internationalen Kongreß der Zeugen Jehovas in Prag getauft. Damals war ich 17 Jahre. Allein die nicht enden wollende Menschenmenge, die sich an diesem Tag taufen ließ, war für mich überwältigend und ich gehörte dazu. Für alle Anwesenden war dies ein sehr emotionales Ereignis.

Wenn ich ehrlich bin, beruhte meine Taufe eigentlich auf einem Mißverständnis. Dazu müssen wir ein paar Monate zurückgehen. Es passierte auf einem kleineren Kongreß in Büchenbach. Da Taufen bei den Zeugen Jehovas immer sehr freudige Anlässe sind, habe auch ich gerne bei der dortigen Taufe zugeschaut.

Es war kurz nach der Taufe, als mich ein später mit mir befreundetes Ehepaar fragte, ob ich denn wohl der nächste sei, der sich taufen läßt. Ich hatte die Frage akustisch nicht richtig verstanden und einfach mit Ja geantwortet. Als sich das Ehepaar so sehr über meine Antwort freute und sie auf mich einredeten, wann es denn nun so weit sein würde, wurde mir erst klar, worauf ich da mit Ja geantwortet hatte.

Zu Hause plagte mich dann das Gewissen. Ich konnte doch jetzt nicht mehr zurück. Also redete ich es mir schön und arbeitete auf die Taufe hin. Mit 17 Jahren traf ich dann die Entscheidung, die mein ganzes Leben prägen sollte, und der eigentliche Auslöser war mein Ja auf eine mißverstandene Frage.

Aber weißt du was? Selbst wenn ich die Frage damals richtig verstanden hätte, wäre ich diesen Weg trotzdem gegangen. Vielleicht nicht zu diesem Zeitpunkt, aber später ganz bestimmt. Denn mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit war damals so groß, daß ich alles andere einfach ausgeblendet habe.

Endlich dazugehören: Was ich bei den Zeugen Jehovas fand

Wer noch nie Teil einer solchen Gemeinschaft war, kann kaum nachvollziehen, wie gut sich das anfühlt. Von einem Tag auf den anderen hatte ich alles, was mir gefehlt hatte. Neue Freunde und das Gefühl, gesehen und gemocht zu werden. Eine Familie, die mich wie einen Sohn aufnahm.

In Jürgen fand ich damals schnell eine Vaterfigur, die mir das gab, was ich zu Hause vermißte. Er verbrachte viel Zeit mit mir, wir führten tiefe Gespräche, die ich mit meinem eigenen Vater nie so führen konnte. Er hatte echtes Interesse an mir. Daran, wie es mir ging, was mich bewegte und was ich dachte.

Sein Sohn André wurde mein engster Freund. Nach dem Predigtdienst, bei dem Zeugen Jehovas von Tür zu Tür gehen, um mit Menschen über ihren Glauben zu sprechen und neue Mitglieder zu gewinnen, verbrachten wir viele schöne gemeinsame Abende. Wir kochten manchmal oder gingen Essen. An manchen Abenden spielten wir Motorradrennen über meinen Commodore C 64. 1991 waren wir zusammen mit noch einem Freund in der Schweiz, in einem Haus, das sein Großvater für Verwandte hütete. Wir genossen die paar gemeinsamen Tage in den Bergen ganz ohne Verpflichtungen. Ich fühlte mich dabei völlig unbeschwert und frei.

Im Predigtdienst in der Nähe von Frankfurt/Oder lernte ich irgendwann Anfang der 1990-er Jahre Sabri kennen. Er war, wie ich, für ein paar Tage dort, um in weniger von den Zeugen Jehovas besuchten Ortschaften zu predigen. Ich besuchte ihn später bei sich zu Hause in Nördlingen. Wir verbrachten sehr schöne Tage mit seinen Freunden und hatten eine echt schöne Zeit. Unsere Gespräche waren immer sehr offen und intensiv. Wir sprachen über vieles in unserem Leben. Nur über Zweifel sprach keiner von uns.

In Dresden fand ich später in Thomas einen tiefgründigen Menschen und sehr guten Freund, der später Ältester in unserer Versammlung wurde. Wir sprachen stundenlang über alles Mögliche und natürlich auch über Gott, die Bibel und die Auslegung der Bibeltexte. Es war die intensivste Freundschaft, die ich in der Gemeinschaft je hatte.

Später outete sich Thomas. Seine neue Art zu leben paßte nicht mehr zur Lehrmeinung der Zeugen. Er stand zu sich und verließ die Gemeinschaft. Daß er den Mut hatte, zu sich zu stehen, auch wenn es ihn alles kostete, hat mich tief beeindruckt. Dafür habe ich ihn sogar heimlich bewundert. Ich hätte den Kontakt zu ihm gerne gehalten. Doch bei den Zeugen Jehovas gilt: Wer geht oder ausgeschlossen wird, mit dem darfst du keinen Kontakt mehr haben. Nicht einmal grüßen. Thomas wußte das und blockte von sich aus ab. So endete unsere Freundschaft, nicht weil einer von uns es wollte, sondern an der Mauer, die diese Gemeinschaft zwischen uns zog.

Unter den Zeugen Jehovas gab es übrigens eine Frage, die jeder kannte: „Wie lange bist du schon in der Wahrheit?“ Die Zeugen Jehovas nennen ihren Glauben „die Wahrheit“. Das klingt wie eine beiläufige Formulierung, aber sie wirkt tiefer als jede Regel. Denn wenn dein Glaube „die Wahrheit“ ist, dann wird jeder Zweifel automatisch zur Lüge. Dann wird jede Frage zur Bedrohung. Und dann brauchst du sehr viel Mut, um trotzdem kritische Fragen zu stellen.

Auf diese Frage, „Wie lange bist du schon in der Wahrheit?“, habe ich oft sehr bewegende Geschichten gehört. Geschichten voller Mut und dem Willen, trotz Gegenwind aus dem eigenen Umfeld zu diesem Glauben zu stehen. Diejenigen, die in eine Familie der Zeugen Jehovas hineingeboren wurden, hatten keine solchen Geschichten zu erzählen. Für die meisten von ihnen gab es kaum eine andere Wahl, als sich als Jugendliche taufen zu lassen.

Anders als in den großen Kirchen gibt es bei den Zeugen Jehovas keine Kindertaufe. Du wirst erst getauft, wenn du dich bewußt dafür entscheidest. Wer in Richtung Volljährigkeit ging und noch nicht getauft war, wurde kritisch beäugt. Stimmt mit ihm oder ihr etwas nicht? Das fiel dann auch auf die Eltern zurück. Deshalb waren Eltern in der Regel „sehr bemüht“, ihre Kinder zur Taufe zu bewegen.

Ich kenne ein Mädchen, das sich mit elf Jahren taufen ließ. Elf Jahre und zehn Monate, um genau zu sein. Sie tat es, wie sie mir später gestand, hauptsächlich aus einem Grund: Zugehörigkeit. Sie wollte dazugehören und damit erreichen, daß sie von den Erwachsenen ernstgenommen wird.

Sie ließ sich also nicht taufen, weil sie die Tragweite dieser Entscheidung mit elf Jahren überblickte, sondern weil das Bedürfnis, Teil dieser Gemeinschaft zu sein, stärker war als alles andere. Das normale Taufalter für Kinder aus Familien der Zeugen Jehovas lag zu meiner Zeit zwischen 13 und 17 Jahren. Aber auch in diesem Alter überblickt kein Jugendlicher wirklich, was eine solche Entscheidung für sein ganzes Leben bedeutet.

Wenn ich heute auf diese 25 Jahre zurückschaue, dann gab es dort natürlich auch vieles, was sich richtig gut anfühlte: Familienglück; Freundschaften, die sich echt angefühlt haben; Unbeschwertheit und Momente voller Glück; das Gefühl ein „Auserwählter“, jemand „Besonderer“ zu sein; aufrichtiges Lob; das Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenhalt; Anerkennung; Liebe, auch wenn diese, wie ich später zu spüren bekam, nicht bedingungslos war.

Solange du nach den Regeln der Gemeinschaft gelebt hast und dich den Anweisungen gefügt hast, ohne etwas zu hinterfragen, war alles bestens. Für diejenigen, die damit kein Problem haben, läßt es sich in dieser Gemeinschaft sehr gut leben.

„Zugehörigkeit fühlt sich am Anfang an wie Nach-Hause-Kommen. Und genau das macht es so schwer, den Preis dafür zu sehen.“

Der Preis der Zugehörigkeit, den niemand laut ausspricht

Der Preis, den es mich gekostet hat, war für mich Anfangs nicht offensichtlich. Vielleicht wollte ich ihn auch nur lange Zeit nicht wahrhaben.

Zuerst waren es die langjährigen Schulfreunde. Mit einigen war ich auch außerhalb der Schule viel zusammen und sehr eng befreundet. Ich zog mich von ihnen zurück, weil sie „weltlicher Umgang“ waren. In der Literatur der Zeugen Jehovas wurde, und wird sicher immer noch, wiederholt darauf hingewiesen, daß Kontakte außerhalb der Gemeinschaft nicht gut für den Glauben sind. Es wurde als Schutz verkauft. In Wirklichkeit war es Isolation, die ich mir selbst auferlegte, weil ich ein vorbildlicher Zeuge sein wollte.

Bei meiner Ausbildung zog sich ein guter Kumpel zurück, als ich mich als Zeuge Jehovas zu erkennen gab. Das Gefühl, wegen meiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas, anderswo nicht dazuzugehören, begleitete mich fast überall. Im Beruf war ich immer wieder der Sonderling und erlebte zum Teil auch Ausgrenzung und Anfeindungen, die mir schwer zu schaffen machten. Bei den Zeugen Jehovas wurde genau diese Ausgrenzung als Bestätigung verkauft: Wenn dich die Welt ablehnt, bist du auf dem richtigen Weg. Das tröstete mich damals.

Dann kamen meine älteren Geschwister. Über 25 Jahre lang habe ich von mir aus den Kontakt zu ihnen und ihren Familien bewußt reduziert. Da sie keine Zeugen Jehovas waren, waren sie damit als „weltlicher Umgang“ abzustempeln, den ein vorbildlicher Zeuge zu meiden hatte. Heute wünschte ich mir, ich hätte vieles anders gemacht oder zumindest lockerer gesehen.

Aber manche Brüche in einer Familie lassen sich nicht einfach kitten, auch wenn beide Seiten es vielleicht wollen. 25 Jahre hinterlassen auf allen Seiten Narben. Was nach so langer Zeit oft bleibt, sind Gräben, die sich nicht mehr vollständig zuschütten lassen. Das ist ein Preis, den du auch dann noch zahlst, wenn du längst einen anderen Weg gehst.

Mein Einsatz beim Predigen von Tür zu Tür schwankte über die Jahre. Es gab Zeiten, in denen ich monatelang über 60 Stunden im Monat neben meiner Berufsausbildung als sogenannter „Hilfspionier“ bei Wind und Wetter unterwegs war. Mit der „guten Botschaft“ an den Türen zu klingeln und dabei häufig Abfuhren zu kassieren, war für mich zur Normalität geworden.

Gleich nach Ende meiner Ausbildung zum Bürokaufmann wurde ich für ein Jahr „allgemeiner Pionier“ mit 1.000 Stunden Predigtdienst pro Jahr. Mit einer Halbtagsstelle hielt ich mich über Wasser, wohnte aber zu der Zeit noch bei meinen Eltern. Oftmals war ich auch Samstags- oder Sonntagnachmittag allein unterwegs, da ich ja ein Stundensoll abzuleisten hatte.

In der Versammlung wurde mein Name immer wieder in einem Atemzug mit Worten wie „eifriger Verkündiger“ und „Vorbild“ genannt. Ich wurde von so manchem „bewundert“, weil ich als Hilfspionier und später als Pionier so viel von meiner Zeit und Kraft in den Glauben steckte. Besonders in diesen Momenten fühlte ich mich zu hundert Prozent dazugehörig. Daß ich dabei teilweise weit über meine Kräfte ging, blendete ich aus. Als junger Mensch siehst du das auch nicht so eng.

Zugehörigkeit
1993: Ich bei einem Kongreß der Zeugen Jehovas mit meiner Bewerbung für den allgemeinen Pionierdienst

Für einen Zeugen Jehovas war es normal, am Monatsende über seinen Zeiteinsatz beim Predigen einen sogenannten „Berichtszettel“ abzugeben. Wie schon gesagt, schwankte mein monatlicher Einsatz. Es gab auch Zeiten, da stand nur eine Stunde auf dem Zettel. Um als vorbildlicher Verkündiger eingestuft zu werden, sollten es aber schon mehr als zehn Stunden sein. Wer nichts angab, bekam schnell Besuch von den Ältesten, die einen „liebevoll ermunterten“, mehr zu tun. Es gehörte zu ihren Aufgaben, den Schwachen in der Gemeinde beizustehen. Und wer nicht berichtete und keine gesundheitlichen Einschränkungen hatte, galt als schwach.

Als Zeugen-Jehovas-Familie durften unsere Kinder weder Geburtstage noch Weihnachten feiern. Ich hatte diese Feste als Kind sehr geliebt und mich immer riesig darauf gefreut. Es machte also schon etwas mit mir, daß unsere Kinder diesbezüglich in ihrer Freiheit eingeschränkt waren und auch schon so früh unter ihren Mitschülern als Außenseiter galten. Doch ich verdrängte diese aufkommenden Schuldgefühle und redete mir alles schön.

Auch andere Zweifel an meinem Weg, die über die Jahre immer wieder auftauchten, drückte ich einfach weg. Weißt du, was im Nachhinein betrachtet, besonders schlimm für mich war? Ich konnte selbst mit meiner damaligen Frau nicht offen darüber sprechen. Denn bei den Zeugen Jehovas steht Jehova/Gott an erster Stelle. Alles andere hat sich dem unterzuordnen.

Mit ihr offen über meine Zweifel und Schuldgefühle zu sprechen, war einfach nicht machbar, denn das hätte erhebliche Konsequenzen für mich gehabt. Wenn du nicht einmal mit dem Menschen, der dir am nächsten steht, offen über deine Zweifel sprechen kannst, dann solltest du dich fragen, ob der Ort, an dem du nach Zugehörigkeit suchst, wirklich der richtige für dich ist.

2012 brach ich schließlich zusammen. Es hatte viele Vorzeichen gegeben, die ich nicht wahrhaben wollte. Mein Körper hatte mir längst signalisiert, daß es so nicht weitergehen konnte. Aber ich habe weggeschaut, bis nichts mehr ging. Ein Burnout, der mich völlig aus der Bahn geworfen hat. Drei Lasten gleichzeitig konnte ich auf Dauer nicht halten: die hohen Anforderungen im Beruf, die Last ein vorbildlicher Familienvater sein zu müssen, der seine Kinder zu vorbildlichen Zeugen erzieht und der seelische Druck durch die Gemeinschaft, welcher sich in ständigen Schuldgefühlen und Zweifeln äußerte. Mein Körper tat am Ende das, was ich mir selbst nie erlaubt hätte. Er zwang mich zur Ruhe.

Und dann kam zwei Jahre später der Moment, in dem der Preis für meinen Drang nach Zugehörigkeit am deutlichsten wurde. Als ich anfing, meine Zweifel auszusprechen, sagte meine damalige Frau sinngemäß zu mir: Sie habe sich in den eifrigen Zeugen Jehovas verliebt. Nicht in den Menschen, der ich jetzt sei. Wenn wir nicht mal mehr den gemeinsamen Glauben als Grundlage hätten, was würde uns dann noch verbinden? Ihre Eltern reisten extra an, um mich davon abzuhalten, die Gemeinschaft zu verlassen. Ihre Botschaft war klar: Bleib, oder du verlierst alles. Ehe, Kinder, Verwandte, Freunde.

In diesen Worten steckte alles, was bedingte Zugehörigkeit ausmacht: Du wirst geliebt, solange du so bleibst, wie die Gemeinschaft es von dir erwartet und nicht für den Menschen, der du wirklich bist.

„Zugehörigkeit, für die du aufhören mußt, du selbst zu sein, ist keine Zugehörigkeit. Es ist ein Tauschgeschäft, bei dem du immer verlierst.“

Warum deine Sehnsucht nach Zugehörigkeit nichts Falsches ist

Wenn du bis hierhin gelesen hast und dich in Teilen meiner Geschichte wiedererkennst, dann möchte ich dir noch eine wichtige Erkenntnis mitgeben, die mir half, das Erlebte besser einzuordnen: Dein Bedürfnis nach Zugehörigkeit war nie falsch. Es war auch nichts, für das du dich verurteilen müßtest. Die Qual mit der „Ach, hätte ich doch damals nicht …“. – Gedankenspirale bringt dich nicht weiter. Versteh bitte, daß dein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zutiefst menschlich war.

Lediglich der Ort, an dem du danach gesucht hast, war vielleicht nicht der richtige Ort. Vielleicht war es eine Gemeinschaft, die deine Loyalität mehr geschätzt hat als deine Ehrlichkeit. Vielleicht war es eine Beziehung, in der du nur geliebt wurdest, solange du dich angepaßt hast. Aber das Bedürfnis nach Zugehörigkeit selbst war und ist richtig.

Was dir zusteht, ist Zugehörigkeit ohne Bedingungen. Menschen, die dich nicht fallenlassen, wenn du anfängst, eigene, vielleicht auch unbequeme Fragen zu stellen. Ein Leben, in dem du einfach du sein darfst, auch mit deinen Ecken und Kanten.

Solche Muster der Suche nach Zugehörigkeit am falschen Ort haben oft tiefe Wurzeln. Manchmal reichen sie weit in die eigene Familiengeschichte zurück. In meinem Artikel über das unsichtbare Erbe in deinem Familiensystem beschreibe ich, wie solche Muster über Generationen weitergegeben werden, ohne daß es jemand bemerkt.

In meiner Arbeit komme ich immer wieder mal mit Menschen in Kontakt, die an einem ähnlichen Punkt stehen, wie ich damals. Sie haben eine Gemeinschaft, eine Ehe oder ein Umfeld, das jahrelang ihr ganzes Leben bestimmt hat, hinter sich gelassen. Und jetzt steht da diese eine Frage, die sich nicht mehr ignorieren läßt: Wer bin ich eigentlich ohne das alles? Und wer möchte ich wirklich sein?

Wenn auch du an diesem Punkt stehst, gehe ich gern ein Stück deines Weges mit dir. Ich weiß, wovon ich spreche, wenn es darum geht, alles zu verlieren und ganz von vorne anzufangen. In meiner spirituellen 1:1 Begleitung arbeite ich anders als die meisten. Ich schaue mit dir gemeinsam dorthin, wo deine Muster wirklich angefangen haben. Nicht nur in deinem Leben, sondern auch weit darüber hinaus. Wir bleiben nicht an der Oberfläche, sondern gehen dorthin, wo sich wirklich etwas lösen kann. Auf meiner Seite zur spirituellen Begleitung erfährst du mehr darüber, wie meine Begleitung genau aussieht.

Oder schreib mir einfach. Es muß kein langer Text sein. Ich antworte dir in jedem Fall.

Dieser Artikel ist der erste Teil meiner Geschichte. Voraussichtlich am 30. April 2026 erscheint die Fortsetzung: über die Zweifel, die innere Stimme, die sich Gehör verschafft hat, und den Moment, in dem ich gegangen bin, obwohl ich wußte, daß es mich alles, wirklich alles kosten würde.

Schau gern regelmäßig auf meinem Blog vorbei und abonniere auch gern meinen Newsletter für zusätzliche Gedanken und Impulse von mir. So verpaßt du auch keinen der neuen Blogartikel.

Vielleicht hast du selbst eine religiöse Gemeinschaft verlassen. Oder du steckst gerade in einer Struktur, die sich nicht mehr stimmig anfühlt. Wenn du magst, schreib mir in die Kommentare, was dich beim Lesen bewegt hat. Falls deine Gedanken zu privat sind, schreib mich sehr gerne direkt an. Ich freu mich sehr, von dir zu lesen und mich mit dir auszutauschen.

Liebe Grüße, Mirko



Häufig gestellte Fragen zu Zugehörigkeit und bedingter Liebe in Gemeinschaften


Warum schließen sich Menschen Gemeinschaften an, ohne vorher genau hinzuschauen, worauf sie sich einlassen?

Weil Zugehörigkeit eines der stärksten menschlichen Grundbedürfnisse ist. Besonders in Lebensphasen voller Unsicherheit oder Orientierungslosigkeit suchen Menschen Halt und Struktur. Gemeinschaften, die Struktur und ein herzliches Willkommen bieten, fühlen sich in den ersten Momenten wie eine Rettung an. Daß der Preis dafür erst viel später sichtbar wird, macht die Entscheidung nicht zu einem Fehler, sondern zu etwas zutiefst Menschlichem.

Woran erkenne ich, daß Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft ist?

Wenn du deine ehrlichen Gedanken oder Zweifel nicht aussprechen darfst, ohne Konsequenzen zu befürchten, ist Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft. Ein weiteres Zeichen ist, wenn Freundschaften nur so lange bestehen, wie du die Regeln der Gemeinschaft befolgst. Auch wenn du das Gefühl hast, ständig eine Rolle spielen zu müssen, um dazuzugehören, ist das ein klares Signal.

Wie geht es Aussteigern der Zeugen Jehovas und anderen Menschen nach dem Verlassen einer Gemeinschaft?

Der Ausstieg bei den Zeugen Jehovas oder aus einer anderen geschlossenen Gemeinschaft bedeutet oft den Verlust des gesamten sozialen Umfelds auf einen Schlag. Freundschaften, Familienbeziehungen und der Lebensmittelpunkt fallen gleichzeitig weg.

Viele Aussteiger stehen vor der Frage: Wer bin ich überhaupt ohne diese Gemeinschaft? Dazu kommen oft Schuldgefühle, weil sie gezwungen waren, sich zwischen sich und ihrer Familie zu entscheiden. Einige glauben sie hätten eine unverzeihliche Sünde begangen. Manche fallen in eine tiefe Niedergeschlagenheit, weil sie plötzlich völlig auf sich allein gestellt sind und nicht wissen, wohin mit sich. Das Gefühl, nirgendwo mehr hinzugehören und alles verloren zu haben, kann in dieser Phase überwältigend sein.

Wie finde ich nach dem Verlassen einer Gemeinschaft wieder zu mir selbst?

Der erste Schritt ist oft der schwerste: Dir einzugestehen, daß du Begleitung brauchst. Viele Aussteiger versuchen, das allein durchzustehen, weil sie gelernt haben, keine Hilfe von außen anzunehmen. Aber gerade, weil du jahrelang in einer Struktur gelebt hast, die dir vorgeschrieben hat, wer du zu sein hast, braucht es jemanden, der mit dir gemeinsam hinschaut, was wirklich zu dir gehört. In meiner spirituellen 1:1 Begleitung nehmen wir uns dafür die Zeit, die es braucht.

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