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Glück Auf, ihr Lieben,
ich möchte dir heute von einem Abendessen erzählen, das schon sehr lange zurückliegt. Ungefähr 35 Jahre sind seitdem vergangen. Dieser Abend ist mir dennoch bis heute in Erinnerung geblieben. Es geht dabei auch um vererbte Traumata und um das, was Eltern an ihre Kinder weitergeben, ohne es selbst zu wissen.
Ich war Anfang sechszehn. Nur ein oder zweimal in der Woche aßen meine Eltern und ich zu dieser Zeit gemeinsam Abendbrot. Das war nur an den Ruhetagen der Kneipe meiner Eltern möglich. Für mich waren das oft besondere Momente, da meine Eltern beruflich sehr eingespannt waren. Es gab auch immer eine große Auswahl an Essen, welches meine Mutter liebevoll vorbereitet hat. Die Kneipe, eine meist gut besuchte kleine Bierstube, war der ganze Stolz meines Vaters, denn er hatte sich das immer schon gewünscht. Als ich dreizehn war, hatte er sich diesen Traum erfüllt. Meine Mutter war auch mit in der Kneipe tätig, obwohl es nicht ganz so sehr ihr Traum war. Aber das ist ein anderes Thema.
Für Familienleben, wie ich es mir gewünscht hätte, blieb durch die Kneipe wenig Zeit. An diesem Abend, ich weiß nicht mehr genau wie es dazu kam, machte ich beim Essen eine abfällige Bemerkung über die Stammgäste der Kneipe, wie man das halt als Sechzehnjähriger manchmal so macht. Es sah mir nicht ähnlich, solche Worte in den Mund zu nehmen. Aber irgendwie überkam es mich.
Mein Vater, dessen ganzes Herzblut an der Kneipe und seinen Stammgästen hing, reagierte sofort richtig heftig. Und zwar so heftig, daß das gemeinsame Abendbrot, auf das ich mich so gefreut hatte, für mich gelaufen war. Ich stand sofort vom Tisch auf und ging voller Wut aus der Küche auf mein Zimmer. Damals war ich richtig sauer auf ihn und verstand nur, daß er wütend war, weil ich meine Wahrheit ausgesprochen hatte. Heute, viele Jahre später, sehe ich die Situation mit anderen Augen.
Mein Vater hatte nie wirklich viel Zeit mit mir verbracht. Auch bevor er die Kneipe hatte, war er viel mit sich und seinen eigenen Dingen beschäftigt. Ich hatte deshalb auch nie ein enges Verhältnis zu ihm. Ich weiß, daß er mich dennoch auf seine Art sehr geliebt hat, aber die Distanz zwischen uns war immer spürbar. Wie ich später aus Erzählungen erfahren habe, hatte er zu seinem Vater auch kein wirklich inniges Verhältnis. Diese Distanz zwischen Vätern und Söhnen zog sich wie ein roter Faden durch unsere Familiengeschichte, Generation für Generation. Die meisten Väter in der Ahnenlinie waren immer mehr mit sich beschäftigt als mit der Familie. Sie haben die Familie materiell versorgt, aber nicht emotional.

Was ich damals nicht sehen konnte: Hinter dieser Distanz steckte eine alte Wunde. Jeder dieser Söhne hatte als Kind das Gefühl, daß er seinem Vater nicht wichtig genug war. Leistung wurde anerkannt, aber das einfache Sein genügte nicht. Dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden oder nicht zu genügen, ist eine seelische Verletzung, die sehr tief sitzt. Keiner dieser Söhne konnte sie benennen. Keiner konnte sie verarbeiten. Also trugen sie sie unbewußt von Generation zu Generation weiter. Auch die heftige Reaktion meines Vaters an diesem Abend war viel größer als der Anlaß selbst. Sie kam nicht nur aus diesem Moment. Sie kam aus etwas viel Älterem.
Erst durch meine Arbeit mit den Ahnenlinien habe ich verstanden, daß dieses Muster nicht bei meinem Vater begonnen hat. Es reichte viel weiter zurück. Niemand hatte es je bewußt gewählt. Aber jeder hatte es auf seine Weise gelebt. Das Muster, das mein Vater unbewußt getragen hat, wurde vier Generationen vor ihm von einem seiner Vorväter so hart ausgelebt, daß es sich verfestigt hat und in der Vaterlinie weitergegeben wurde. Und genau darum geht es heute: um vererbte Traumata, die sich still durch die Generationen einer Familie ziehen, ohne daß jemand davon weiß.
Was sind vererbte Traumata?
Vererbte Traumata sind seelische Belastungen, die nicht in deinem eigenen Leben entstanden sind. Sie wurden von deinen Eltern, Großeltern oder noch früheren Generationen unbewußt weitergegeben. Oft zeigen sie sich als Gefühle, Ängste oder Verhaltensmuster, für die es in deinem Leben keinen erklärbaren Grund gibt.
Wenn du genauer wissen möchtest, was ein Trauma aus psychologischer Sicht eigentlich ist und welche Folgen es haben kann, findest du auch auf der Seite der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie eine verständliche Erklärung dazu.
Was sind vererbte Traumata und warum betreffen sie dich?
Ein Trauma ist eine seelische Verletzung, die so tief geht, daß ein Mensch sie nicht verarbeiten kann. Sie bleibt sozusagen in ihm stecken. Und das, was in ihm stecken geblieben ist, gibt er weiter. Nicht mit Absicht und nicht durch Worte. Sondern durch die Art, wie er lebt, wie er fühlt und wie er mit seiner Familie umgeht.
Vererbte Traumata sind genau das: seelische Wunden, die von einer Generation zur nächsten weitergereicht werden, ohne daß es jemand merkt. In der Psychologie gibt es dafür den Fachbegriff transgenerationales Trauma. Das klingt etwas sperrig, bedeutet aber etwas sehr Einfaches: Was deine Ururgroßmutter erlebt und nie verarbeitet hat, kann heute noch in deinem Leben Auswirkungen haben.
Dabei muß es nicht immer das eine große, schreckliche Ereignis gewesen sein. Auch die jahrelange Einengung, das ständige Gefühl von Unsicherheit oder die Erfahrung, daß Gefühle keinen Platz im Leben haben durften, hinterlassen Spuren, die unbewußt weitergegeben werden.
Du mußt kein Fachbuch gelesen haben, um das zu verstehen. Du mußt nur einmal ehrlich hinschauen, was sich in deiner Familie von Generation zu Generation wiederholt.
Wie werden Traumata von Generation zu Generation weitergegeben?
Vererbte Traumata werden nicht wie braune Augen oder lockiges Haar vererbt. Sie werden durch das, was in einer Familie gelebt und vorgelebt wird, weitergegeben. Auch durch das, worüber nie jemand gesprochen hat oder sprechen durfte. Und oft reicht das viel weiter zurück, als du denkst.
Stell dir einmal deine Großeltern oder Urgroßeltern vor. Vielleicht haben sie Krieg, Hunger und Verlust erlebt. Vielleicht wurden sie gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen und irgendwo ganz von vorn anzufangen, mit nichts als den Kleidern auf dem Leib. Sie haben funktioniert, weil sie mußten. Über das, was sie dabei gefühlt haben, hat damals niemand gesprochen. Es gab keine Zeit dafür und oftmals auch gar keine Worte.
Ihre Kinder, deine Eltern oder Großeltern, haben dieses Schweigen über ihre Gefühle vererbt bekommen. Und zwar nicht nur, weil sie es so vorgelebt bekamen, sondern weil die Erfahrung „Gefühle zu zeigen ist nicht möglich und erwünscht“ sich so tief eingeprägt hat, daß sie biologisch an die nächste Generation weitergegeben wurde. Für sie war es dadurch selbstverständlich, daß man nicht über Schmerz oder überhaupt über Gefühle spricht.
Deine Eltern wiederum haben vielleicht ganz andere Dinge als ihre Eltern oder Großeltern erlebt. Keinen Krieg, keine Flucht. Aber die Art, wie sie mit Nähe umgehen, wie sie auf Streit reagieren oder ob sie überhaupt über Gefühle sprechen, das trägt die Handschrift der Generationen vor ihnen.
Die Wissenschaft bestätigt das. Die Epigenetik zeigt, daß starke seelische Belastungen tatsächlich Spuren hinterlassen, sogenannte epigenetische Marker, die an die nächste Generation weitergegeben werden. Was deine Urgroßmutter während des Krieges durchlebt hat, kann heute noch in deinem Nervensystem nachwirken, auch wenn du nie die gleichen Situationen wie sie durchlebt hast. Das ist keine Vermutung mehr. Die laufende Forschung liefert immer deutlichere Belege dafür.
Und es geht noch weiter zurück als bis zu den Eltern oder Großeltern, wie ich am Beispiel meiner Familiengeschichte schon gezeigt habe. In meiner Arbeit mit einer Klientin zeigte sich ebenfalls ein Muster, das weit zurückreichte. Für ihren leiblichen Vater hatte sie nicht viel übrig. Sie sprach von Worten, die schwer verletzten, von psychischer und zum Teil auch von physischer Gewalt, die tiefe Spuren bei ihr hinterließ.
Als wir gemeinsam in die väterliche Ahnenlinie schauten, zeigte sich etwas sehr Faszinierendes: Genau dieses Muster war bereits fünf Generationen vor ihrem Vater dagewesen. Es zeigte sich dort ein Vorfahr in der Ahnenlinie, der sehr, sehr dominant war. Der Alkohol führte bei ihm oftmals zum völligen Kontrollverlust. Gewalt in vielerlei Hinsicht war die Folge. In seinem Herzen liebte er seine Familie und er bereute anschließend immer, was er getan oder gesagt hatte, auch wenn er es nie gegenüber seiner Frau oder seinem Sohn in Worten ausdrücken konnte, was einfach tragisch war.
Dieses Muster wurde über die Jahrhunderte still von Vater zu Sohn weitergegeben, ohne daß es in dieser Intensität zum Vorschein kam. Erst beim Vater meiner Klientin brach es mit voller Wucht durch. In der Ahnenlinienharmonisierung gelang es uns, diese Verstrickung in der Vaterlinie zu lösen. Dieses Muster hat jetzt keinen Einfluß mehr auf die nachfolgenden Generationen dieser Linie.
Woran erkennst du, daß du vererbte Traumata in dir trägst?
Vererbte Traumata erkennst du an Gefühlen und Reaktionen, die weitaus stärker ausfallen als es die Situation hergibt, und für die es aus deinem jetzigen Leben keine Erklärung gibt.
Vererbte Traumata tragen kein Schild, auf dem steht, woher sie kommen. Sie schleichen sich in deinen Alltag, in Momente, in denen du etwas fühlst, das du dir mit deinem Verstand nicht erklären kannst.
Einige Anzeichen für Familienmuster habe ich bereits in meinem Artikel „Das unsichtbare Erbe in deinem Familiensystem“ beschrieben. Im Folgenden gehe ich noch einen Schritt tiefer und zeige dir weitere Anzeichen, die darauf hinweisen, daß du etwas trägst, das seinen Ursprung nicht in deinem eigenen Leben hat:
Du reagierst in bestimmten Situationen viel heftiger, als es der Anlaß hergibt. Ein falsches Wort am Eßtisch, und in dir schäumt plötzlich bittere Wut über. Als würde da ein altes Programm anspringen, das gar nicht zu dir gehört.
Dein Körper reagiert auf Dinge, die dein Verstand längst eingeordnet hat. Eine zugeschlagene Tür, und dein Herz rast. Eine bestimmte Tonlage in der Stimme deines Partners, und alles in dir zieht sich zusammen. Dein Nervensystem reagiert so, als wäre da eine echte Gefahr, obwohl du weißt, daß es keine ist.
Du vermeidest bestimmte Themen, ohne genau zu wissen, warum. Über Geld spricht man nicht. Über Gefühle auch nicht. Und wenn jemand in deiner Nähe weint, wirst du unsicher, weil du spürst, daß Tränen in deiner Familie nie willkommen waren.
Du hast das Gefühl, du darfst nicht zu viel werden. Nicht zu laut, nicht zu sichtbar, nicht zu erfolgreich. Als würde dich innerlich etwas bremsen, genau dann, wenn es gut werden könnte.
Du triffst immer wieder dieselbe Entscheidung, obwohl du dir jedes Mal vornimmst, es anders zu machen. Du gehst zurück in Situationen oder zu Menschen, von denen du genau weißt, daß sie dir nicht guttun. Du sagst ja, obwohl alles in dir nein schreit. Du bleibst, obwohl du eigentlich gehen müßtest.
Oder du spürst eine Loyalität zu etwas, das du nicht benennen kannst. Als stündest du in einer Schuld, mit der du nichts zu tun hast.
Wenn du dich beim Lesen in einem dieser Punkte wiedererkannt hast, dann lohnt es sich, dieser Spur nachzugehen. Denn dieses Wiedererkennen ist oft der erste Hinweis darauf, daß etwas in dir wirkt, dessen Ursache nicht in deinem Leben gelegt wurde.
Warum reicht es nicht, vererbte Traumata nur zu verstehen?
Erkennst du dich in der einen oder anderen Situation wieder? Vielleicht denkst du dir jetzt: Jetzt, wo ich das verstehe, kann ich es ja ändern. Das ist ein guter erster Schritt. Aber Verstehen allein verändert das Muster nicht. Denn ein vererbtes Trauma sitzt nicht im Kopf. Es sitzt tiefer, nämlich in deinem Körper, in deinem Nervensystem. Es hat sich über Generationen so tief eingeprägt, daß es sich für dich völlig normal anfühlt. Und genau das macht es so schwer, es zu greifen: Dein Verstand hält das, was du fühlst, für selbstverständlich, weil er es nie anders kennengelernt hat.
Du kannst wissen, daß dein Vater seine Strenge oder Gefühlskälte von seinem Vater hatte. Du kannst verstehen, daß seine Reaktion an jenem Abend nicht wirklich dir galt, sondern etwas viel Älterem. Und trotzdem wirst du zusammenzucken, wenn jemand am Tisch plötzlich laut wird. Denn das Wissen erreicht deinen Kopf, aber nicht die Stelle, an der das Muster sitzt.
„Vererbte Traumata enden nicht von selbst. Aber sie können gelöst werden, wenn jemand den Mut hat, hinzuschauen.„
Das ist der Unterschied zwischen Verstehen und Lösen. Beides hat seinen Platz. Aber das eine ersetzt das andere nicht. Was es braucht, um ein solches Muster wirklich zu lösen, geht über das Lesen eines Artikels hinaus. Es braucht jemanden, der mit dir gemeinsam in die Tiefe deiner Ahnenlinie schaut. In das, was dort seit Generationen aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Genau das ist es, was ich in der Ahnenlinienharmonisierung mache. Ich schaue mit dir gemeinsam in deine Ahnenlinien. Dort zeigt sich, welche Muster aktiv sind, wo sie ihren Ursprung haben und was es braucht, damit sie sich lösen können. So wie bei meiner Klientin, von der ich dir erzählt habe: Ihr Familienmuster reichte viele Generationen zurück, und wir konnten es gemeinsam lösen.
Dabei ist mir eines wichtig: Nicht alles, was dich belastet, muß auf eine Ahnenverstrickung zurückzuführen sein. Durch meine Arbeit mit der Akasha Chronik läßt sich das genauer feststellen.
Was die Akasha Chronik ist und wie ich mit ihr arbeite, habe ich in meinem Artikel „Akasha Chronik einfach erklärt“ beschrieben.
Wenn du spürst, daß da etwas in deiner Familiengeschichte wirkt, und du herausfinden möchtest, ob eine Ahnenlinienharmonisierung für dich der richtige Weg ist, lade ich dich von Herzen zu einem unverbindlichen Erstgespräch ein. Dort schauen wir gemeinsam, was bei dir wirkt und ob eine Ahnenlinienharmonisierung tatsächlich angezeigt ist oder ob ich dich anderweitig unterstützen kann.
Was deine Ahnen dir neben vererbten Traumata auch mitgegeben haben
Vererbte Traumata sind nur eine Seite der Medaille. Denn über dieselben Wege, über die das Belastende weitergegeben wurde, ist auch etwas anderes zu dir gelangt.
Vielleicht ist es die Hartnäckigkeit, mit der du immer wieder aufstehst, obwohl das Leben dir mehr als einmal den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Vielleicht ist es die Fähigkeit, anderen Menschen Halt zu geben, auch wenn du selbst gerade jemanden bräuchtest, der dich hält. Oder dieses feine Gespür dafür, daß da noch etwas anderes ist als das, was man sehen und anfassen kann.
Auch diese Fähigkeiten haben dir deine Ahnen mitgegeben. Und wenn die vererbten Traumata gelöst sind und keinen Einfluß mehr auf dein Leben haben, dann kann genau diese Kraft wieder voll und ganz bei dir ankommen, ohne daß die alte Last dranhängt.
Wenn dich dieser Artikel berührt hat, dann ist das vielleicht der Anfang eines Weges, auf den du schon lange zugehst. Auf meiner Internetseite zur Ahnenlinienharmonisierung erfährst du, wie ich Menschen auf diesem Weg begleite, was dabei geschehen kann und wie du den ersten Schritt gehen kannst.
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Vielleicht hat dieser Artikel in dir etwas angesprochen. Vielleicht hast du selbst ein Muster in deiner Familie erkannt, das sich durch die Generationen zieht. Wenn du magst, schreib dazu gerne etwas in das Kommentarfeld. Oft tut es gut, etwas zum ersten Mal in Worte zu fassen.
Liebe Grüße, Mirko
